Nachdem ich mich mit dem Gourmet-Koch Heinz Winkler befasst hatte und dabei auf das „Rosenkreuz“ gestoßen war, gingen bei mir die Alarmanlagen los: „Achtung! Rosenkreuzer! Geheimbund!“. Das klingt ja gleich so anrüchig. Ich habe mir überlegt, dass jemand das Symbol der Rosenkreuzer (RK) wohl nur dann anbringt, wenn er vielleicht Mitglied ist, und wenn schon nicht Mitglied, sich dann wenigstens mit deren Ideen identifizieren wird? Und welche Lebenseinstellung könnte dahinter stehen? Deshalb habe ich mich intensiver mit den Rosenkreuzern beschäftigt. Meine Quellen waren Bücher aus der Stadtbibliothek, das Internet und der Brockhaus. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich vor allem auf die Gruppe A.M.O.R.C., einer der drei Gruppen, die letztes Jahrhundert entstanden und in Deutschland vertreten sind.
Die modernen RKer gelten als eine Organisation mit humanistisch-ethischer Werteorientierung mit den Grundsätzen Toleranz, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Verständnis.
Ziel ist das Erkennen der Zusammenhänge von Welt, Gott, Mensch und Kosmos oder anders ausgedrückt: das Erkennen, wer oder was der Mensch im ganzheitlichen Sinne ist. Dazu ist es nötig, die im Menschen verborgenen Kräfte und Möglichkeiten - sich selbst – zu erkennen. Und wieder einmal muss ich die gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse moderner Psychologie mit C. G. Jung bemühen: Hier geht man davon aus, dass der Mensch sein Potential nicht ausschöpft, weil vieles im Unbewussten verborgen bleibt. Und das Unbewusste spricht sowohl nach Meinung anerkannter Wissenschaftler, als auch nach Meinung der RKer in Symbolen und Bildern zum Menschen. Deshalb wird bei den RKern Wert auf den Umgang mit und die Interpretation von Symbolen gelegt. Ein äußeres Symbol stellt das RK dar: Das Kreuz gilt als Symbol der grobstofflichen Welt (Erde), die erblühende rote Rose als das erblühende Bewusstsein und die fließende Kraft Gottes.
Selbsterkenntnis muss man nach Meinung der RKer unbeeinflusst von anderen Personen erreichen. Mitgliedertreffen dienen deshalb vor allem zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch, vergleichbar dem Treffen von Menschen im Kaninchenzuchtverein. Der Schwerpunkt auf dem Weg zur Selbsterkennntis liegt im individuellen Studium der Theorien und deren praktischer Umsetzung im Alltag. Damit sollen persönliche Erfahrungen gemacht werden. Und hier habe ich einen interessanten Ansatz gefunden, wie „Geheimbund“ noch interpretiert werden können: Die RKer könnten „geheim“ sein, weil die innere Wirklichkeit des Menschen nur persönlich erlebbar ist, für einen Außenstehenden „geheim“, unsichtbar, bleibt.
Das Werkzeug auf dem Weg zum inneren Erleben ist u. a. die Meditation, die es dem Menschen ermöglichen soll, leichter mit seiner inneren Stimme (Intuition) und damit mit seinem Inneren Selbst in Kontakt zu treten. Durch das Innere Selbst drückt sich das kosmische / göttliche Bewusstsein aus. Das Innere Selbst ist stets bereit, den Menschen im Alltag zu helfen und kann deshalb in allen Lebenslagen befragt werden. Man soll wieder lernen, sich auf sein Inneres Selbst und seine innere Stimme zu verlassen.
Im Zusammenhang mit diesem (pansophischen) Weltbild taucht auch der Begriff „Alchemie“ auf. Hier ist aber nicht die Umwandlung von unedlem in edles Metall gemeint, sondern die geistige Umwandlung des Menschen hin zum edlen, aufrechten Menschen. Kennzeichen eines edlen, aufrechten Menschen ist die Beherrschung seines Geistes und seiner Leidenschaften. Der Weg zum edlen Menschen führt über die Liebe zu allen Dingen und allen Menschen. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil nach dem rosenkreuzerischen Selbstverständnis alles göttlichen Ursprungs ist. Gott wird als das „Große Eine“, als höchster Geist interpretiert, aus dem die Schöpfung hervorgeht und sich in allem manifestiert. LIebt man alles und jeden, liebt man damit auch Gott.
Fazit: Die RKer sind eine Gemeinschaft von Menschen, die über die Liebe die Selbstvervollkommnung entwickeln wollen, was eine selbstkritische, vorurteilsfreie und tolerante Einstellung voraussetzt, ohne ein Glaubenssystem zu propagieren. Ihre praktisch anwendbare Philosophie befasst sich mit dem Sinn des Lebens und erklärt das Zusammenwirken von Mensch, Erde, Geist und feinstofflicher Welt.
Übrigens: Welche Weltanschauung nun Heinz Winkler wirklich hat, weiß ich immer noch nicht, obwohl ich mit der Beschäftigung mit dem Zeitschriftenanrtikel und den RKern eine Ahnung davon gewonnen habe. Für mich war es auf alle Fälle höchst interessant, in die Welt der RKer einzutauchen.