Spazierengehen als Beruf
Promenadologie. Spaziergangswissenschaft. Das ist auch ein Thema für mich. Schließlich gehe ich leidenschaftlich gerne wandern. Und wandern ist eine Steigerung von gehen. Aber nicht nur deshalb ist es für mich ein Thema, sondern auch deshalb:
An der Uni Kassel gibt es im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, einen Lehrauftrag für Spaziergangswissenschaft (Promenadologie). Es geht dabei um das “konzentrierte, das bewusste Wahrnehmen der Umwelt“, so der Lehrbeauftragte Martin Schmitz. Wie im Feng Shui: Da geht es auch um das bewussste Wahrnehmen der Umwelt.
Schmitz erklärte laut Deggendorfer Zeitung weiter, dass sich wegen der Fortbewegung mit Eisenbahn, Auto oder Flugzeug der Blick auf die Landschaft verändert hat. Je nach Art der Fortbewegung sieht man die Landschaft anders. Dadurch entfremdet sich der Mensch von seiner Umwelt und verlernt, sie wahrzunehmen.
Ich stelle mir das so vor: Der fahrende Mensch muss den Blick auf die Straße / den Weg richten und muss deshalb zwangsläufig wie mit Scheuklappen durch die Welt gehen, fahren, rasen. Dabei zieht die Landschaft wie ein zu schnell laufender Film vorüber. Selbst beim Genussradln wird der Mensch das Veilchen oder den Marienkäfer am Wegrand nicht sehen. (Ich bin beim Radl´n am Ennstal-Radweg mal gefragt worden, ob ich die tote Ziege im Straßengraben gesehen hatte. Hatte ich nicht). Mit Gehen oder Wandern ist man meiner Meinung nach näher an der Natur dran.
Und auch Schmitz meint: “Es geht darum, die Augen zu öffnen (…) Die Menschen müssen einfach dieses Naturkino (…) wieder wahrnehmen.” Feng-Shui-BeraterInnen betrachten dieses Naturkino von Berufs wegen bewusst: Wie sind Landschaft und Vegetation beschaffen? Gibt es Wasser? Ist der Fluss begradigt oder kann er mäandern? Fließt das Wasser schnell oder langsam? Wie fühlt sich die Erde an (z. B. sumpfig)? Ist es windig? Und, und, und…
Allerdings geht es sowohl in der Promenadologie als auch im Feng Shui nicht nur um die Wahrnehmung der Natur, sondern auch um den Städtebau. Wahrscheinlich kennt jeder ein Gebäude, das er für deplaziert oder überdimenioniert hält. Wo man nur sagt: “Das Haus passt da nicht hin.” Mit Hilfe der Promenadologie sollen Natur und Architektur zueinander in Bezug gesetzt werden, damit das geplante Projekt nicht wie ein Fremdkörper wirkt. “Es geht eben nicht nur darum, ein Haus statisch richtig zu bauen und den Kurvenradius einer Straße zu berechnen, sondern wie all diese Dinge auch zusammen funktionieren können”, sagt Schmitz. Das geht uns Feng-Shui-BeraterInnen auch so: Wir nehmen Details wie z. B. die Beziehung zweier Häuser zueinander (ob das eine das andere durch seine Größe erdrückt) wahr und interpretieren ihre möglichen Wirkungen auf die Umgebung und den Menschen. Wir fragen uns, wie man Gebäude und Landschaften so planen kann, dass sie sich in die natürliche und bebaute Umgebung einfügen.
Das, was sich die Promenadologie zur Aufgabe gemacht hat, nämlich die Umwelt (mit Hilfe der Fortbewegung “Gehen”) bewusst wahrzunehmen um daraus eine Landschaft und urbane Architektur zu entwickeln, die zusammen passen, betreibt Feng Shui schon lange: die Umwelt mit offenen Sinnen wahrnehmen, mit System interpretieren und für eine Umgebung sorgen, die ein harmonisches Miteinander von Architektur, Mensch und Natur ermöglicht!