Der moderne Höhlenmensch
Die Bekleidungsindustrie meint, dass es bei Mode und Architektur nicht mehr um die Befriedigung der Grundbedürfnisse geht, sondern um Kunst, Kultur und Lifestyle. Das habe ich in der Werbung eines Bekleidungshauses gelesen.
Das mag für die Kleidung schon gelten, denn dabei geht es heute wirklich nicht mehr nur um den Schutz vor Kälte und Nässe. Aber wenn man es genau nimmt, geht es auch heute primär noch um den schützenden Effekt. Wer will schon bei nasskaltem Schneeregen nackt durch die Gegend laufen? Was man anzieht, ist dann ein anderes Thema…
Und bei der Architektur irren sich meiner Meinung nach die Werbefachleute. Auch die Architektur muss ein Grundbedürfnis erfüllen: das von Sicherheit! Wie sonst ist es zu erklären, dass Menschen unbewusst den sicheren Platz suchen? Das können Sie selber beobachten: In Restaurants setzen sich die Menschen zuerst an die Tische mit einer Wand im Rücken und dem Blick zur Tür. Erst wenn diese Plätze belegt sind, werden auch die anderen Plätze, auf denen man sich ausgeliefert fühlt, genutzt.
Bei der Wahl des Platzes sind wir eben doch Höhlenmenschen geblieben. Dieses Prinzip macht sich auch Feng Shui mit der Regel der sog. Schildkröte - dem Symbol für eine geeignete Rückendeckung - zunutze. Man ordnet den Sitzplatz so an, das man eine feste Wand im Rücken hat und den Überblick über den Raum behält. Fehlt eine Wand kann es ersatzweise auch ein Schrank oder eine üppige Pflanze sein. Hintergrund ist der, dass man dadurch von hinten nicht angegriffen werden kann, von hinten nichts zu befürchten hat.
Und das Bedürfnis nach Sicherheit ist auch psychologisch zu erklären. In meinem Studium habe ich mal was von der Maslow`schen Bedürfnispyramide gehört. Man geht davon aus, dass bestimmte Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schutz vor Kälte und Nässe, Sicherheit….) erfüllt sein müssen, bevor man sich den Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung, Kunst, Individualität usw. zuwenden kann. Klar, wer friert, hungert und von hungrigen Löwen oder in Kriegsgebieten von Bomben bedroht wird, hat in diesem Augenblick keinen Sinn für Selbstverwirklichung, Kunst, Kultur und Lifestyle.
Gebäude müssen auch ein Grundbedürfnis erfüllen: das nach Schutz und Geborgenheit. Wo Läden, um beim eingangs erwähnten Beispiel zu bleiben, dieses Bedürfnis nicht erfüllen, sind die KundInnen immer auf der Hut vor einer lauernden Gefahr. Ein Teil der Aufmerksamkeit wird auf die potentielle Gefahr gerichtet und fehlt für den Kaufimpuls. Jetzt könnte man sagen, “Was soll mir im Laden schon passieren?”. Das Gleiche könnte man sich auch im Restuarant fragen und trotzdem nehmen die Gäste zuerst die “sicheren” Plätze ein. Das läuft unbewusst ab. In einem Laden, der das Sicherheitsbedürfnis nicht erfüllt, ist man immer ein wenig auf der Flucht anstatt sich entspannt auf die Ware zu konzentrieren.
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